„Soll ich wirklich von meinen Erfahrungen erzählen?“ - Schauspiel Dortmund - ‚Verbrennungen‘ im Bürgerkrieg – Liebe, Hass, Vergebung, Tod

 

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Ruhrgebiet/Germany. (doem) „Wo Liebe ist, kann Hass nicht sein. Und um die Liebe zu bewahren, beschloss ich zu schweigen“, steht in großen Lettern auf der Rückseite des Programmzettels des gewagten Kriegsstücks ‚Verbrennungen‘ der franko-kanadischen Emigrantin, Autorin Wajdi Mouawad, das, gerade am Dortmunder Schauspiel auf dem Programm, erschreckende Aktualität besitzt.

Wer schon mal mit einem allzu oft traumatisierten Kriegsflüchtling aus Syrien, Afghanistan oder dem Libanon gesprochen hat, der hat vielleicht annähernd eine Ahnung von dem unermesslichen Leid, das vielen auf der Welt widerfahren kann. Und gerade das thematisiert ‚Verbrennungen‘ in Dortmund (Regie: Liesbeth Coltof) auf künstlerisch hohem Niveau. Weltpolitik auf die Bühne gebracht: Sicher nicht die Neuerfindung des Rades, aber doch ein relatives Novum für etabliertes Theater in Deutschland, der Region.

Abrisse des Kriegsalltags

Es sind Abrisse des Kriegsalltags, auf die Bühne gebracht von SchauspielerInnen auch, denen die Thematik nicht fremd sein muss. Die Zwillinge Jeanne und Simon (vielleicht nicht ganz authentisch, aber engagiert: Julia Schubert, Sebastian Graf) begeben sich nach dem Tod ihrer Mutter Nawal einer soliden Friederike Tiefenbacher im umkämpften Libanon (!?) auf die Suche nach der Wahrheit. Sie treffen Fremdenführer, Soldaten, Terroristen, Vergewaltiger und Vergewaltigte, von denen Mancher vielleicht gar nicht wirklich wissen will, was sie erlebt. Gewaltszenen, Hass, Entsetzen! – Vergebung? „Soll ich erzählen, was ich erfahren habe?“, schnaubt ein junger Palästinenser mit Sturmgewehr wutentbrannt von der Bühne ins Publikum. „Ich bin Sniper. Töten ist meine Kunst! Der erste Schuss muss sitzen, sonst …“

Flüchtlingsschicksale

Was wäre, wenn die Flüchtlinge bei uns erzählten? Einen ersten Eindruck verschafft ‚Verbrennungen‘ im Dortmunder Schauspiel. „Bring mir Schreiben bei“, fordert ein Flüchtlingskind im Lager von ihrer belesenen Freundin. Da, wo Mord, Vergewaltigung, Steinigung Alltag sind. Sind Sie schon mal gefoltert worden? Simuliertes Ertränken, Nägel ausreißen, Schläge, Tritte im Intimbereich ist alles andere als angenehm, zudem nicht die feine englische Art! Soll der Soldat (Andreas Beck) wirklich erzählen? Vielleicht bleibt es uns erspart!? ‚Verbrennungen‘-Regisseurin Liesbeth Coltof (deutsche Übersetzung: Uli Menke) war viel im nahen Osten unterwegs, organisiert Theaterworkshops im Palästinensergebiet, brach in Hebron inmitten von Soldaten in Tränen aus. Die, deren Onkel erschossen wurde, haben nicht geweint. Hass, Liebe, Vergebung, Verdrängen …

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